Kunsthaus Apolda

 

10. April bis 19. Juni 2016

Linda McCartney

Die 60er Jahre - Portrait einer Ära

Linda McCartney wurde am 24. September 1941 als Linda Eastman in Scarsdale, New York, geboren. Nach dem Studium der Kunstgeschichte zog sie 1965, mittlerweile Mutter der kleinen Heather, nach New York und verdiente dort ihren Lebensunterhalt als Empfangsdame beim Magazin „Town and Country“. Dank einer Einladung im Juni 1966 zu einer Pressekonferenz der Rolling Stones, die sie als einziges und dazu noch nicht einmal als richtiges Redaktionsmitglied annahm, gelangen ihr Aufnahmen, welche man ihr danach aus den Händen riss. Ihren Erfolg hatte sie dem Missgeschick eines Kollegen zu verdanken. Dieser vergaß den Film in die Kamera einzulegen und somit standen er und sein Redakteur Danny Fields, der später ihr Biograph werden sollte, zwar mit Artikel aber ohne Foto da. Und wie der Zufall so spielte, sah er sie mit der Kamera vom Schiff herunterkommen und sprach sie an. So entstand das Foto, welches Brian Epstein, dem Manager der Beatles, zwölf Monate später ins Auge stechen und zu ihrer ersten Begegnung mit ihrem späteren Ehemann Paul McCartney führen sollte: Brian Jones, Mitglied der Rolling Stones, der sich breitbeinig auf der Bank räkelt. Dieses und weitere Photos begründeten ihren Ruhm, ihre Karriere und ihren ersten großen Zyklus „The Sixties – Porträt einer Ära“.

Mittlerweile fotografierte sie als erste Fotografin für das „Rolling Stone Magazine“ alle Musikheroen dieser Zeit und arbeitete an dem Buchprojekt „Rock and other Four Letter Words“. Dafür sollten auch die Beatles vor ihrer Kamera stehen, doch erst musste der Manager der Beatles, Brian Epstein, sein OK für einen Fototermin geben. Sie bekam den Termin und Brian Epstein gefielen ihre Fotos aus der Bewerbungsmappe so gut, dass er das Foto von Brian Jones und eines von Keith Moon sogleich kaufte. Eine Einladung zu einem Presseempfang anlässlich der Veröffentlichung von St. Pepper folgte. Doch sollte es ein weiteres Jahr dauern, bis sie im Mai 1968 ihren späteren Ehemann Paul McCartney wiedersah. Sie heirateten am 12. März 1969 in Marylebone bei London. Linda McCartney: „Ich dachte damals nicht groß über die Konsequenzen nach, die es mit sich bringen würde, einen Beatle zu heiraten, weil ich kein Mensch bin, der erst alles abwägt, bevor er zur Tat schreitet. Ich machte mir nicht klar, dass ich damit schlagartig kein Voyeur mehr sein würde, sondern jemand, auf den die Welt starrt.“
Mit ihren Fotografien der „Sixties“ hat Linda McCartney Musik- und Kulturgeschichte zugleich geschrieben. Ihre Persönlichkeit und die Fähigkeit, sich dem Geschehen unterzuordnen und den anderen zu respektieren, bilden die Grundlagen für eine Vertrautheit, ohne die ein ernsthafter Porträtfotograf nicht arbeiten kann. Sie realisierte die Porträtfotografie als ein Spiel des Individuums mit sich selbst, als Ausdruck einer unbewussten Idee, sich zu verewigen. Ein Ansatz, der für manch einen Musiker manchmal abschreckend gewesen sein mag.

Linda McCartney über Jim Morrison – The Doors,1967:
„Als er zum ersten Mal in mein Appartement kam, sah er meine Arbeiten an und meinte hinterher, er wüsste nicht genau, ob er sich von mir fotografieren lassen will, weil ich den wahren Charakter meiner Figuren enthüllen würde.“

Linda McCartney porträtiert die Heroen als das, was sie abseits des Ruhmes und ihrer musikalischen Größe auch sind: Individuen, die in einem einzigartigen Augenblick für die Nachwelt festgehalten, emotional und verletzlich wirken. Ihre Porträts offenbaren die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Auftritt und dem Rückzug ins Private. Die meisten der Porträtierten, die ganze Legionen von Müttern und Vätern in Angst und Schrecken getrieben haben, Kinder aber in eine rauschhafte Verzückung versetzten, zerbrachen an diesen gegensätzlichen Erwartungen und sind heute nur noch Geschichte: wie z. B. Jimi Hendrix, der bereits im August 1970 starb. Alles in allem eine überaus spannende und beglückende Zeit zwischen 1966 und 1969, in der die „Sixties“ entstanden sind. Es waren Tage, an denen Jimi Hendrix sie besuchte, sie sich zum Mittagessen mit Jim Morrisson in Chinatown, zum Einkaufsbummel mit Janis Joplin und zum Subway-Fahren mit Jackson Brown traf. Und doch: „Allesamt waren es Menschen, die später zu Ikonen werden sollten, die aber Mitte der 60er Jahre auf der Kippe standen und sich fragten, ob jemals irgend jemand sie beachten würde“. Die 1960er Jahre waren geprägt durch Optimismus und eine Aufbruchsstimmung der Jugend, die bis in die konservativsten gesellschaftlichen Bereiche hineinreichte. Es galt Neues zu erfahren und Altes abzulehnen. Auch wenn die Beweggründe der Protestierenden nicht immer politischer Natur waren, so waren sich alle in ihrer Widerspruchshaltung gegenüber der älteren Generation, der ästhetischen Glorifizierung der vollbrachten Leistung der Nachkriegsgeneration mit ihrer emotionalen Enge und ihren Lügen, einig.

Die Musik und ihre Protagonisten verkörperten diese Aufbruchs- und Konfrontationsstimmung der 1960er Jahre: Ausufernde Rhythmen, hemmungslos und körperbetont vorgetragen von völlig unbekannten, ja fast außerirdisch anmutenden Wesen. Das Lebensgefühl der frühen „Sixties“ verstand Linda McCartney als Plattform für ihre gesamte spätere Arbeit: Authentizität und Spontanität bestimmten ihr Schaffen bis zu ihrem frühen Tod am 17. April 1998.

Die Arbeiten des zweiten Teils der Retrospektive mit Fotografien von Linda McCartney beschreiben ihre Reise durch die Welt als reiner Augenmensch abseits der wilden sechziger Jahre. „Roadworks“, entstanden zwischen 1968 und 1995, bilden ein Roadmovie ab, ein Spiel mit gewagten Ausschnitten und ihrem Gespür für die Dramatik des Alltags. Sekundenschnell erfasste  Lebensmomente, zufällig und flüchtig, als Zusammenfassung eines bewegten Lebens. Eindrucksvolle pure fotografische Leidenschaft einer Künstlerin, die sie ein Leben lang nicht los ließ.

Aber es wäre nicht Linda McCartney, hätte diese Leidenschaft nicht eine unglaubliche Ruhe in sich und ein Gefühl für den Moment, in dem ein Foto seine Magie entwickeln kann. Die Fotografien entstanden zum Teil aus dem Auto heraus, eine Perspektive, die den Betrachter unweigerlich zum unbeteiligten Beobachter macht. Naturgemäß haben die Fotos mit Reisen zu tun, aber weniger mit jenen von Linda McCartney, als vielmehr mit jenen anderer Menschen. Die Bilder zeigen Abschied, Wiedersehen, Warten, Hoffen und Freude als ständige Begleiter. Die Vergänglichkeit der Situationen ist allgegenwärtig und es bleibt offen, ob der gezeigte Reisende jemals an sein Ziel gelangt ist. „Roadworks“ zeigt die Welt mit den Augen einer Künstlerin, ausgestattet mit dem begnadeten Gefühl für die Macht des Augenblicks.                                           

Ina Brockmann

Öffnungszeiten & Preise
Katalog zur Ausstellung
Begleitprogramm zur Ausstellung

Veranstalter:
Kunstverein Apolda Avantgarde e.V.

Konzeption & Realisierung:
Reichelt und Brockmann, Hamburg

Mit freundlicher Unterstützung:
Sparkasse Mittelthüringen
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen
Energieversorgung Apolda
Wohnungsgesellschaft Apolda

Alle Werke © Linda McCartney
Courtesy Sammlung Reichelt und Brockmann, Hamburg

 

 

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Letzte Änderung 18.04.2016 / copyright@webmaster / Impressum